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Was brauchen Babys, um gut zu schlafen?

Baby-Schlaf unter Evolutions-biologischen Gesichtspunkten

In diesem Blogbeitrag beleuchtet Patricia Schark, Diplom Pädagogin und PEKiP®-Gruppenleiterin, alles Wissenswerte rund um das nervenaufreibende Thema Schlaf bei Babys.  Es lohnt sich, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Denn so verstehen wir besser, warum das mit dem Schlaf bei Babys viele junge Familien zur Verzweiflung treibt - und finden Ansatzpunkte, um diese anstrengende Zeit entspannter und ausgeruhter zu meistern.

 

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Auch in unserem krankenkassen-zertifizierten Online-Kurs zur Beikosteinführung nehmen wir viel Bezug auf die Evolution und ihren Einfluss auf die Essgewohnheiten unserer Kleinsten.

 

Bei spezielleren Fragen rund um die Ernährung kannst du dich gerne auf meiner Homepage umsehen oder mir eine email schreiben.

Das Ideal

auch für Erwachsene nicht immer selbstverständlich

Ausgeruht und ausgeschlafen genießen wir unseren Tag. Verabschiedet sich das Licht, so beginnt unser Körper, das Schlafhormon Melatonin auszuschütten. Wir gähnen, werden müde und suchen uns eine Schlafstätte, kuscheln uns ein, checken, ob alles wie gewohnt ist. Dann fühlen wir uns sicher, und letztendlich schlafen wir irgendwann ein. 

Gesegneter Babyschlaf in den ersten Wochen

wenn es doch immer so bleiben würde

Als junge Eltern möchten wir diesen Idealzustand auch möglichst bald mit unserem Baby erreichen. Meist klappt das auch zumindest für die ersten beiden Lebenswochen mit unserem Baby. Klar: es hat häufig Hunger und bekommt dann prompt Milch. Und nach dem Trinken schläft es dann meist ohne viel Aufhebens wieder ein. Und wir gleich mit... 

Doch „plötzlich“ ändern sich diese Schlafgewohnheiten - oder kam das nicht doch eher langsam und schleichend? Mmmh, so im Nachhinein weiß ich das gar nicht mehr so genau.

Die Realität holt uns schnell ein

oder: wo bleibt da noch mein eigener Schlaf?

Nun verwenden wir Eltern täglich Mühe, Zeit und Kraft, um unser Baby zum Schlafen zu bringen. Warum schläft es nicht von selbst ein?  Was stört es an diesem wunderschönen  neu gekauften Kinderbettchen? Warum weint es?  Warum wird es mehrmals in der Nacht wach und hat gar keinen Hunger? Warum schläft es manchmal einfach nicht ein, obwohl wir (scheinbar) alles perfekt dafür getan haben? Warum schläft es nicht viele Stunden am Stück? Warum passt sein Schlafverhalten nicht in unseren Alltag? Solche und ähnlich Fragen schwirren nun in unseren Elternköpfen herum….

Ich finde, manche dieser Fragen lassen sich am besten aus evolutionärer Sicht beantworten. Die Lösung für ein durchschlafendes , schnell einschlafendes Baby ist damit nicht automatisch da, aber wir verstehen unser Baby besser. Und dieses Verstehen hilft. Zumindest geht es mir so. Aus Verstehen entsteht Verständnis für das Verhalten meines Babys.

Warum ist das so?

Die Evolutionsbiologie liefert die Erklärung

Alle Babys auf der ganzen Welt versuchen mit ihrem Verhalten auch heute noch wie in der „wilden Natur“ zu überleben. Auch wenn es hier in Deutschland in immer gut temperierten Wohnräumen, sicher hinter verschlossenen Türen, ohne wilde Tiere und in seiner es liebenden Kleinfamilie im eigenen Bettchen liegt. Leider weiß das Baby dies nicht! Es kann diese Dinge nicht erspüren! Sein genetischer Code geht davon aus, dass es noch in der Steinzeit lebt: Höhle, Kälte, Hitze, viele wilde und gefährliche Tiere, Nahrungsmangel und ein großer Clan, der sich immer um alle Clanmitglieder kümmert.

 

 Vielleicht hilft dir dieser Merksatz, genau so, wie er seinerzeit mir geholfen hat:

Wenn mein Baby nicht einschläft,
tut es das nicht, um mich zu ärgern. 
Es kann nicht anders !

Und wie löse ich das Dilemma?

Am Anfgang steht verständnis

Es ist die Aufgabe von uns Eltern, mit viel Geduld und Spucke langsam, feinfühlig und über einen langen Zeitraum dem eigenen Baby behutsam nahe zu bringen, dass es heute im Jahr 2021 diese steinzeitlichen Gefahren nicht mehr gibt! Und genau an diesem Punkt wird es leider oft schwierig für uns Eltern! 

Es gibt unzählige Schlafprogramme für Babys, Erziehungsratgeber, Tipps von Freunden und Verwandten. Aber wenn das Baby trotz aller Bemühungen von uns Eltern nicht schläft, so sind wir doch nachts und auch tagsüber alleine mit unserem Problem, unserer Müdigkeit, unserem Frust und unserem übermüdeten kleinen süßen Bündel Babymensch und unserer chaotischen Gefühlslage! Wenn du wie so viele in dieser Situation Tränen der Verzweiflung in den Augen hast: lass sie ruhig fließen….. 

Geholfen hat mir die evolutionäre Sichtweise aufs Schlafen und Schlafverhalten. Nun konnte ich endlich verstehen, warum mein Baby sich so verhält, wie es sich verhält.

 

Es geht ihm nicht darum, seinen Willen durchzusetzen.
Es will einfach nur überleben!

Das 1x1 für gutes Einschlafen

Was uns die Evolutionsbiologie über den Babyschlaf lehrt

 Hier die wichtigsten evolutionären Aspekte, die zumindest bei mir zu einem „Aha-Erlebnis“ führten:

Folgende „Schlaf- Zutaten“ braucht dein Baby grundsätzlich für seinen Schlaf:

  • Dein Baby muss müde sein.
  • Dein Baby muss entspannt sein. Es ist entspannt, wenn seine Bedürfnisse befriedigt sind. Tragen, Schaukeln, Wiegen in sanften langsamen Bewegungen helfen ihm auch, sich zu entspannen.
  • Mitbestimmung: von einer aktiven Phase gleitet es nach ca. 50 Minuten in eine ruhige Phase. Diese ist der ideale Zeitpunkt für Schlaf. Oft sucht es sich dann die Brust oder liegt träge und zufrieden im Arm eines Erwachsenen.

Tipp 1:  Denke entwicklungsgerecht

Wenn dein Baby müde wird, hat es ein Bedürfnis nach Nähe. Dies ist sein angeborenes Verhalten: „Ein auf Sicherheit gepoltes Schlafverhalten“:

Um Einschlafen zu können, muss dein Baby sich absolut sicher fühlen, denn es kann bei Gefahr weder fliehen, noch sich verteidigen. Es kann nicht mal eine lästige Fliege vertreiben. Für sein Gefühl der Sicherheit braucht es dich als vertrauten Erwachsenen. Du kannst nämlich die blöde Fliege vertreiben. Genauso, wie du es vor dem Säbelzahntiger retten würdest!  

 

Das „selbständige“ Schlafen lernen gehört nicht zur genetischen Grundausstattung deines Babys. Es braucht dafür, zumindest für die nächste Zeit, deinen Schutz und deine Hilfe! Deshalb weint dein Baby, wenn es alleine beim Schlafen ist. Es spürt den fehlenden (körperlichen) Schutz. Es hat in diesem Moment schreckliche Angst - der Säbelzahntiger lauert immer.

 

Die Sicherheit, die deine Wohnumgebung ihm bietet, ist für dein Baby nicht spürbar. Sie tröstet dein Baby nicht.

 

Aber natürlich hast du als Eltern auch ein Recht auf Schlaf und genau in diesem Spagat liegt die Krux und das Konfliktpotenzial. Die Lösung liegt in einem langsamen Annähern der Bedürfnisse beider Seiten. Jedes Schlaf-Arrangement birgt Zumutungen: mal für dein Baby, mal für dich. Es gilt, beides langsam anzugleichen.

 

Ein Säugling enstpannt sich, sobald er sich geborgen fühlt. So findet er in seinen Schlaf.
Selbständiges Einschlafen, wie es oft gefordert wird, ist kein Meilenstein der kindlichen Entwicklung!
Sondern Selbständigkeit entsteht aus Geborgenheit und einer sicheren Bindung zu seiner Bezugsperson. 

 

Auch wenn es erst einmal anstrengender ist, wenn dein Baby nicht selbständig einschläft, lohnt es sich durchzuhalten. Die Babys sind mindestens genauso gut, oftmals besser entwickelt. Und sie fühlen sich im Schlaf immer sicher!

Tipp 2: Hinterfrage deine eigenen Vorurteile

Babys können nicht verwöhnt werden! Dein Baby fordert von dir immer nur das, was es braucht, um sich gut entwickeln zu können. Körperliche Nähe ist für seine gute physische und psychische Entwicklung essentiell. Emotional auftanken durch Körperkontakt hilft ihm zu entspannen. 

Dein Kind wird selbständig werden, auch wenn es dich jetzt noch zum Einschlafen braucht. Es bekommt von dir durch Tragen, Stillen oder einfach deine Nähe genau dass, was es von Natur aus braucht, um in seinen Schlaf zu finden!

Tipp 3: Berücksichtige den natürlichen Rhythmus deines Babys

Berücksichtige den Rhythmus deines Kindes jeden Tag aufs Neue. Natürlich orientiert es sich an deinem (vor-)gelebten Alltag, aber nicht jeder Tag ist für es gleich: es wird einmal früher, einmal später müde. Manche Tage sind aufregender, anstrengender und spannender für dein Baby, dann ist es auch früher erschöpft. Schaue nach den Signalen deines Babys. In ca. 50-minütigen Abständen öffnet sich sein Tor zum Schlaf.

Tipp 4: Bleibe präsent

Beobachte, wieviel Präsenz dein Baby braucht. Das Sicherheitsgefühl bei Babys ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wie bereits beschrieben mögen es Babys grundsätzlich nicht, alleine zu schlafen. Aber wieviel Nähe sie brauchen, kannst du immer wieder ausprobieren. Sie entwickeln sich ja täglich weiter: aus Babys werden Kleinkinder. Sie verstehen mehr. Sie können nicht mehr nur weinen, sondern auch irgendwann rufen oder dich laufend suchen,… Berücksichtige dies immer wieder aufs Neue. Interpretiere die Signale deines Babys und verändere für euch beide behutsam die Schlafsituation.

 

Einschlafprogramme sind daher nicht hilfreich! Dein Baby bleibt alleine mit seiner Angst. Seine Signale werden nicht verstanden. Es spürt dich nicht, es hört dich nicht, die wichtige Person in seinem Leben lässt es alleine.

 

Tipp 5: Kompromisse und Abkürzungen beim Schlaf sind erlaubt

Kuscheltiere, Schnuller o.ä. sind mögliche Hilfsmittel, wenn sie denn klappen und die Nachteile nicht ausufern. Auch solltest du sie nur auf diese eine Situation beschränkt einsetzen. Dauernuckeln ist hingegen auch aus evolutionsbiologischer Sicht nicht sinnvoll. 

Tipp 6: Bilde die evolutionäre Schlafsituation für dein Baby nach

Evolutionäre Schlafbedingungen beinhalten multisensorische Stimulation, d.h. dein Baby schläft am Besten wenn es Anregung über viele Sinnesebenen erfährt. Schon im Mutterleib hat dein Baby viele Reize erlebt: deine Bewegungen, die Kontraktion der Gebärmutter, deine Herzgeräusche, die Geräusche deiner Verdauung,… und dein Baby hat im Bauch wunderbar geschlafen. Ganz nach seinem Rhythmus und Bedürfnis. Deshalb funktioniert auch das "in-den-Schlaf-wiegen" so gut.

Plötzliche laute, ungewohnte Geräusche stören den Schlaf deines Babys (Bsp. das klingelnde Handy). Gewohnte Geräusche, wie zum Beispiel lebhaft spielende Geschwister, sind dagegen sogar hilfreich für einen guten Schlaf.

 

Für den Nachschlaf sollte es dunkel sein, wobei sich das Melatonin nach Mitternacht am meisten ausschüttet. Eine kleine Lichtquelle (wie das Lagerfeuer in der Steinzeit in der Höhle) ist nicht störend für Babyschlaf, z.B. eine Leselampe, weil du noch ein bisschen schmökern möchtest. Blaues Licht (wie z.B. Handylicht) oder ein dauerhaftes Schlaflicht sind hingegen nicht zu empfehlen.

 

Die Raumtemperatur zum Schlafen sollte etwas kühler sein als die Tagestemperatur. Egal wo ein Baby lebt, nachts sinken in jeder Klimazone die Temperaturen.

 

Stillen als Einschlafhilfe bildet quasi eine „Brücke“ in den Schlaf und ist evolutionsbiologisch völlig in Ordnung! Geht die Stillzeit seinem Ende zu, muss eine neue Brücke gefunden werden. Diese Phase der Umstellung ist erst einmal anstrengend. Möglichst „natürlich“ leben macht es uns Eltern daher nicht in jedem Fall leichter. Aber genieße den Moment. Dein Kind schläft gern beim Stillen ein? Prima! Im Moment ist das völlig in Ordnung und entspricht ihm. Warte erstmal ab und sucht gemeinsam kleine Lösungsschritte, wenn es sich für dich nicht mehr gut anfühlt. Vorher ist es der perfekte Ort für dein Baby zum Einschlafen aus evolutionsbiologischer Sicht!  Möchtest du es ändern, dann kannst du ihm langsam kleine Dinge der Veränderung zumuten!

Buch-Empfehlung

Du kannst die Hintergründe zu diesem Blogartikel mit meinen Schlaf-Tipps sowie viele wertvolle Informationen zu weiteren Baby-Themen ausführlich  in folgendem Buch des Kinderarztes Dr. Renz-Polster nachlesen:

„Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt“

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